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Der Polizeistaat

Letztes Update 28. Januar 2006

Hermann Göring
Die Oxford Enzyklopädie definiert einen Polizeistaat als "... in dem eine nationale Polizeiorganisation, oftmals geheim, unter direkter Kontrolle eines autoritären Regimes steht und diesem dient, manchmal mit dem Auswuchs eines Staates im Staat." Der nationalsozialistische Polizeistaat ging noch darüber hinaus. Die diversen Polizeiorganisationen waren nicht nur ein Unterdrückungs- und Kontrollelement, sondern überzogen den Kontinent schließlich auch mit einem Netz von Terror und Mord.

Schon früh hatten die Nazis die Schaffung einer politischen Polizei im Auge. Am 26. April 1933, kurz nach der "Machtergreifung", schuf Hermann Göring, preußischer Innenminister und später Ministerpräsident, das Geheime Staatspolizeiamt Gestapa, aus dem die Geheime Staatspolizei Gestapo hervorging. Die preußische Polizei setzte sich zusammen aus der Ordnungspolizei Orpo und der Kriminalpolizei Kripo. Die Staatspolizei Stapo und die politische Abteilung der Kripo wurden zur Gestapo, geleitet von Rudolf Diels.

Kurz bevor Göring die Gestapo in Preußen schuf, wurde Heinrich Himmler am 9. März 1933 zum Polizeipräsidenten in Bayern ernannt. Reinhard Heydrich wurde Chef der Abteilung VI, der politischen Abteilung der Bayerischen Polizei. Heydrich leitete zugleich den schon 1931 geschaffenen Sicherheitsdienst SD des Reichsführers-SS Himmler. Der SD hatte die Aufgabe, politische Gegner innerhalb und außerhalb der NSDAP zu bekämpfen und die Nazi-Elite zu beschützen. Himmler sagte dazu:
"Der SD wird die Feinde der nationalsozialistischen Bewegung entdecken und Gegenmßnahmen durch die offiziellen staatlichen Stellen einleiten."

Heinrich Himmler
Zwischen 1933 und 1934 gewann Himmler allmählich die Kontrolle über die deutsche Polizei. Am 1. April 1934 wurde Diels als preußischer Gestapo-Chef entlassen. Am 20. April 1934 war Himmler endgültig Chef der vereinigten Deutschen Polizei. Heydrich wurde zum Chef der Gestapo ernannt und begann sofort mit einer drastischen Reorganisation der Geheimpolizei.
Ab Sommer 1934 war der SD der alleinige Geheimdienst bzw. Nachrichtendienst der NSDAP, weshalb SD-Männer ihr Gehalt auch von der NSDAP erhielten. Die übrige Polizei wurde vom Staat besoldet. Gestapo-Männer wurden nun nicht mehr aus ausgebildeten Polizisten rekrutiert, sondern unter ambitionierten Intellektuellen ausgewählt. So fanden sich Rechtsanwälte, Wirtschaftsfachleute, Politikwissenschaftler u.ä. unter den Gestapo-Männern. Obwohl Heydrich nun sowohl den SD als auch die Gestapo kontrollierte, gab es immer wieder Kompetenzstreitigkeiten zwischen der Gestapo und dem SD. Im Allgemeinen war der SD mit nachrichtendienstlicher Tätigkeit befasst, die Gestapo mit Festnahmen, Verhören und Einweisungen in KZs. Beide Organisationen waren verantwortlich für die Kontrolle bzw. Unterdrückung von Kirchen, Sekten und anderen religiösen und ideologischen Vereinigungen, Pazifisten, Juden, Extremisten, der Wirtschaft und der Presse.

Reinhard Heydrich
Eine gesteigerte Effizienz des Polizeiapparates wurde am 17. Juni 1936 erreicht durch die Vereinigung der Ämter "Reichsführer-SS" und "Chef der Deutschen Polizei" unter Himmler, der damit auf der Höhe seiner Macht angekommen war. Er nannte sich nun "Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei". Offiziell war er zwar dem Innenminister Wilhelm Frick unterstellt, faktisch war er aber nun der zweitmächtigste Mann im Staat.
Die Polizei wurde nun in zwei Hauptabteilungen gegliedert: Die Sicherheitspolizei mit Kripo und Gestapo (unter Heydrich), und die Ordnungspolizei unter Kurt Daluege. Die Orpo beinhaltete die Schutzpolizei, die Gendarmerie und die Gemeindepolizei.

Obwohl Gestapo und SD "alles sahen" und "alles wussten", war die Zahl der Mitarbeiter im Vergleich mit anderen Polizeiämtern erstaunlich gering. Nachkriegsuntersuchungen ergaben, dass eine typische deutsche Stadt wie Krefeld zwischen 1937 und 1941 nicht mehr als 12-13 Gestapo-Männer hatte, bei einer Einwohnerzahl von 170.000. Auf 10-15.000 Einwohner kam also nur ein Gestapo-Mann. Im ländlichen Raum gab es oft überhaupt keinen. Dort wurde die nachrichtendienstliche Tätigkeit von Beamten der Gendarmerie und Schutzpolizei übernommen. Der SD hatte noch weniger Personal. Dies war nur möglich durch ein landesweites Netzwerk von Agenten und Informanten, unterstützt durch viele Denunzianten. So unterdrückte sich Deutschland selbst, mit einem Konglomerat aus Angst, Hass und Fanatismus.

Prinz-A
Prinz-Albrecht-Straße
Die letzte großere Umstrukturierung der Polizei fand mit Beginn des 2.Weltkrieges statt. Am 27. September 1939 schuf Himmler das Reichssicherheitshauptamt RSHA. Sipo und SD wurden zusammengefasst unter der Leitung von Heydrich. Nun stand ein monströses Instrument zur Verfügung, mit dem die Nazis Europa terrorisieren und unterdrücken konnten.
Heinrich Müller wurde Gestapo-Chef, Arthur Nebe Kripo-Chef. Das Hauptquartier befand sich im ehemaligen Gestapo-Gebäude in der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin. Nebenstellen gab es auch in anderen Stadtteilen, und Zweigstellen im ganzen Land. Zum Leidwesen Heydrichs, der die Herrschaft über alle Polizeikräfte anstrebte, wurde die Ordnungspolizei nicht in das RSHA eingegliedert.

Police Battalion
Polizeibatallion
Der Polizeistaat war nun bereit für den Beginn einer europaweiten Kampagne von schlimmsten Gräueltaten und Massenmorden. 6 Einsatzgruppen (I-VI) mit jeweils etwa 1.800-2.250 Männern von SD, Sipo und SS folgten der Deutschen Wehrmacht dicht hinter der Front nach Polen. Dort töteten sie etwa 15.000 Juden und Mitglieder der polnischen Intelligenz.
Mit Beginn des Russlandfeldzuges ("Unternehmen Barbarossa") im Juni 1941 wurde diese Zahl noch weit übertroffen durch die Taten von nun vier Einsatzgruppen (A-D). Wie in vielen anderen Fällen des Nazi-Völkermordes lässt sich die Zahl der Opfer nicht mehr genau ermitteln. Nach Schätzungen wurden bis Frühjahr 1943 etwa 1.250.000 Menschen durch die Einsatzgruppen ermordet.
Eine typische Einsatzgruppe wird etwa 1.000 Männer gehabt haben: 100 Gestapo-Männer, 30-35 SD-Leute, 40-50 Kripobeamte, 130 Ordnungspolizisten, 80 Hilfspolizisten, 350 Männer der Waffen-SS, 150 Fahrer und Mechaniker sowie Dolmetscher, Funker, Schreibkräfte, Sanitäter, Köche etc.

Kurt Daluege
Die Einsatzgruppen wurden von Polizeibataillonen und Reservepolizeibataillonen der Ordnungspolizei (Orpo) unterstützt. Diese waren von Daluege aufgestellt worden aus Reservisten, Freiwilligen und Volksdeutschen.
Mitte 1940 war die Zahl der Ordungspolizisten auf 244.000 angewachsen. 101 Polizeibataillone existierten, jedes mit etwa 500 Männern. Neben der gezielten Ermordung der osteuropäischen Juden waren sie auch an der unbarmherzigen Unterdrückung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten beteiligt. Sie waren ein wichtiges Instrument für die Einrichtung, die Verwaltung und letztlich auch die Liquidierung der Ghettos.

Die Deutschen und Österreicher, die in den Lagern der Aktion Reinhard ihrer grausigen Tätigkeit nachgingen, waren der Aktion T4 unterstellt, dem deutschen Euthanasie-Programm zur Ermordung behinderter Menschen. Obwohl es unter ihnen auch Polizeioffiziere (z.B. Franz Stangl und Christian Wirth) gab, wurden sie nicht vom RSHA oder der Orpo bezahlt, sondern von der "Kanzlei des Führers" KdF.
Alle Deutschen und Österreicher, die in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka am Massenmord teilnahmen, hatten zumindest den Rang eines SS-Unterscharführers. Sie waren dem SS- und Polizeiführer Lublin, Odilo Globocnik, unterstellt. Im Labyrinth des Polizeistaates war es Christian Wirth, dem "Inspekteur der Sonderkommandos Einsatz Reinhardt", möglich, einen direkten Draht zu Viktor Brack und Philipp Bouhler in der KdF in Berlin (und somit zu Hitler) zu unterhalten, unter Umgehung seines direkten Vorgesetzten Globocnik in Lublin (und somit auch Himmler und das RSHA).

Die Deportationszüge nach Auschwitz-Birkenau, vollgepackt mit zur "Sonderbehandlung" bestimmten Juden, waren RSHA-Transporte. Das RSHA war auch verantwortlich für die Organisation der Transportzüge, die nach den im Generalgouvernement gelegenen Transit-Ghettos Izbica, Piaski und Rejowiec fuhren. Obwohl die Deportationstransporte innerhalb des Generalgouvernements vom Aktion Reinhard - Hauptquartier in Lublin geplant und koordiniert wurden, war das RSHA stets informiert über den Fortgang der Aktion Reinhard. Kürzlich in ehemaligen sowjetischen Archiven in Moskau entdeckte Unterlagen über Adolf Eichmanns RSHA-Abteilung IVB4 belegen die eindeutige Beteiligung des RSHA an der "Endlösung".

Die Gesamtzahl der Opfer des Polizeistaates lässt sich nicht nennen. Im Reich selbst, und in allen besetzten Staaten, hinterließ die Nazi-Polizei eine Spur von Tod, Zerstörung und Leid. Nach Ende des Krieges wurden zahlreiche Verbrecher vor Gericht gestellt und verurteilt, oft allerdings erst viele Jahre später. Manch Mörder war untergetaucht, andere zu nur geringen Haftstrafen verurteilt. Viele wurden nie für ihre Verbrechen bestraft, viele lebten unbehelligt oder unerkannt in Freiheit. Nicht unerwähnt bleiben kann aber auch die Tatsache, dass nicht alle Polizisten in verbrecherische Taten verwickelt waren.

Quellen:
Gutman, Israel, ed. Encyclopedia of the Holocaust, Macmillan Publishing Company, New York, 1990
Padfield, Peter. Himmler Reichsführer-SS, Macmillan Publishers Limited, London, 1991
Höhne, Heinz. The Order Of The Death's Head, Pan Books Limited, London, 1972
Johnson, Eric. The Nazi Terror, John Murray, London, 2002
Butler, Rupert. An Illustrated History of the Gestapo, BCA, London, 1992
Reinhard Rürup, ed. Topography of Terror, Verlag Willmuth Arenhövel, Berlin, 2000
Browning, Christopher R. Ordinary Men, HarperCollins, New York, 1993
Goldhagen Daniel Jonah. Hitler's Willing Executioners, Little, Brown and Company, London, 1996
Oxford Encyclopedia, Oxford University Press, 1998
Arad, Yitzhak. Belzec, Sobibor, Treblinka - The Operation Reinhard Death Camps, Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis, 1987
Gutman, Yisrael and Berenbaum, Michael, eds. Anatomy of the Auschwitz Death Camp, Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis, 1998
Cesarani, David. Eichmann His Life and Crimes, William Heinemann, London, 2004

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