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Das geplante Vernichtungslager in Mogilev


Letztes Update 12. Juli 2006





Der Herbst 1941 war eine kritische Periode in der Entwicklung der "Endlösung". Obwohl in den letzten Jahren viel bekannt geworden ist über die Judenpolitik der Nazis, ist deren Entscheidungsfindung weniger klar. Lediglich Mutmaßungen umgeben die Chronologie der Vorgänge und des involvierten Personals. Es ist allerdings möglich, in gewissem Maße den Gang der Ereignisse mittels Dokumenten und intensiver wissenschaftlicher Forschung nachzuvollziehen.

In den von den Deutschen besetzten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion ist ab Spätsommer 1941 die ursprüngliche Vorgehensweise der Erschießung von nur männlichen Juden erweitert worden auf alle Juden, unabhängig von Alter und Geschlecht. Auf dem Höhepunkt dieses Vernichtungsprogrammes (im Herbst 1941) hatten die Nazis begonnen, die serbischen Juden umzubringen und Hitler letztlich die Deportation deutscher Juden authorisiert.
Seit den ersten Tagen der Invasion in Russland hatte die Einsatzgruppe B in Weißrussland mehr und mehr Morde begangen.

Die Stadt Mogilev liegt am Fluss Dnjepr, etwa 200 km östlich von Minsk. Das Hauptquartier des HSSPF Zentralrussland, SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski, war in Mogilev. Das Einsatzkommando 8, kommandiert von SS-Obersturmbannführer Otto Bradfisch, war hauptsächlich verantwortlich für die Morde in der Stadt.
Am 25. September 1941 wurden den noch in Mogilev verbliebenen Juden befohlen, innerhalb von fünf Tagen in ein Ghetto an der Dubrovenka-Brücke umzuziehen. Auf Befehl von Bach-Zelewski folgte alsbald die Liquidation dieses Ghettos: 2.273 Bewohner wurden demzufolge am 2. und 3. Oktober 1941 umgebracht, gefolgt von einem weiteren Massaker an 3.726 Juden am 19. Oktober 1941.
Innerhalb von zwei Monaten wurden 6.500 Juden in Mogilev ermordet. Die verbliebenen Juden, weniger als 1.000, wurden in ein neu errichtetes Arbeitslager innerhalb der Dimitrov-Fabrik eingewiesen.

Zwischen 23. und 25. Oktober 1941 besuchte Heinrich Himmler Mogilev und das neue Arbeitslager, begleitet von "acht anderen Herren", unter ihnen der HSSPF Nordsee, SS-Gruppenführer Rudolf Querner.
1946 sagte Bach-Zelewski aus, dass "eine Kommission aus Hamburg 1943 in Mogilev ankam mit einem SS-Befehl, dort eine "Gasfabrik" zur Ermordung von Menschen zu errichten.
Die Gaskammer sollte unter Bach-Zelewskis Kommando innerhalb einer gesicherten Fabrik, identisch mit der Dimitrov-Fabrik, errichtet werden.
Entsprechend der Aussagen anderer Angeklagter war Bach-Zelewskis Aussage hauptsächlich bestimmt von seinem Willen, die eigene Haut zu retten: Das erwähnte Datum war nicht glaubwürdig und sollte zeigen, wie spät er von den Massenvergasungen erfahren hatte. Immerhin deckt sich Bach-Zelewskis Aussage mit dem Besuch Himmlers und seines Gefolges im Oktober 1941.
Eine Verbindung zwischen der Kommission aus Hamburg und der geplanten Gaskammer in Mogilev ist noch nicht zu beweisen, doch dass sich in diesen Tagen etwas ereignete, ist ohne Zweifel, denn Mitte November 1941 erhielt die Firma Topf & Söhne in Erfurt vom SS-Hauptamt II den Auftrag, ein großes Krematorium in Mogilev zu errichten. Am 30. Dezember 1941 wurde ein Ofen mit vier Verbrennungskammern geliefert und installiert.

Vergasung
Novinki
Es gibt auch andere Beweise, die annehmen lassen, dass sich die Nazis in diesen Monaten dazu entschlossen hatten, Massenvernichtungen im Raume Minsk und Mogilev durchzuführen.
Am 15. August 1941 besuchte Himmler das Behindertenheim in Novinki, 6,5 km nördlich von Minsk. Es lag innerhalb einer Kolchose, die der SS übertragen worden war. Himmler instruierte SS-Brigadeführer Arthur Nebe, Kommandant der Einsatzgruppe B, alle Patienten zu töten, jedoch eine humanere Methode zu praktizieren, als die Menschen zu erschießen.
Am 18. September 1941 wurden daraufhin 200 Patienten der Klinik in Novinki nach einem kleinen Badehaus gebracht und mit Motorabgasen ermordet. Ein weiteres, (nicht erfolgreiches) Experiment wurde durchgeführt, indem man 25 Patienten in zwei Bunkern einsperrte und diese mit Sprengstoff in die Luft jagte. Das grauenhafte Resultat kann man sich vorstellen.

Vergasung
Vergasung in Mogilev
Wenige Tage früher hatte ein weiteres Experiment in Mogilev stattgefunden, bei dem mehr als 500 geistig Behinderte, wiederum unter der Leitung von Nebe, ermordet worden waren. Ein Raum in dem Behindertenheim war hermetisch abgedichtet worden. In die Außenwand wurden zwei Löcher gebohrt, durch die jeweils ein Schlauch eingeführt wurde. Ein PKW (Adler 1939 Limousine oder Cabrio, 2 Liter, Kennzeichen-Nr. "Pol 28545") wurde außerhalb des Raumes geparkt und sein Auspuff mit dem Schlauch in der Mauer verbunden. Der Motor wurde angelassen und die Abgase strömten in die Gaskammer. Als die Opfer auch noch nach 8 Minuten lebten, wurde der Auspuff eines weiteren Autos, möglicherweise eines Opel Blitz (Kennzeichen Pol 51628), an das zweite Rohr in der Wand der Gaskammer angeschlossen. Dr. Albert Widmann (Chemiker des Kriminaltechnischem Institutes KTI), der die Vergasung verfolgte, beschrieb das Ereignis:
"Im Laufe des Nachmittags hatte Nebe das Fenster zugemauert, allerdings zwei Öffnungen gelassen für die Gasschläuche. Als wir ankamen, war einer der Schläuche, die ich mitgebracht hatte, angeschlossen. Er war mit dem Auspuff einer Limousine ("touring car") verbunden. Teile der Rohre guckten aus den Löchern in der Wand, so dass der Schlauch problemlos angebracht werden konnte. Nach fünf Minuten kam Nebe heraus und sagte, dass sich nichts ereignet hätte. Nach acht Minuten konnte er immer noch kein Ergebnis feststellen und fragte, was nun zu tun sei. Nebe und ich kamen zu dem Schluss, dass der Wagen nicht ausreichte. Deshalb ordnete Nebe an, dass der Auspuff eines Transportwagens der Polizei zusätzlich angeschlossen werden sollte. Danach dauerte es nur wenige weitere Minuten bis die Leute bewusstlos waren. Beide Fahrzeuge liefen dann noch weitere zehn Minuten.
Die Vergasungen in der Kolchose und dem Behindertenheim wurden gefilmt. Dieser Film wurde nach Kriegsende in Nebes Wohnung in Berlin gefunden.

Das Ausmaß von Himmlers Verantwortung hierfür wurde deutlich in einer anderen Aussage von Widmann:
"Nebe wollte die Angelegenheit mit mir besprechen, weil er Himmler Bericht erstatten musste."

Diese Experimente in Weißrussland waren verbunden mit der Entwicklung der Gaswagen. Tatsächlich brachte Widmann im September 1941 Zeichnungen von Gaswagen mit nach Mogilev. Die Einsatzgruppen, hinsichtlich ihrer Effektivität immer abhängig von ausreichender Mobiblität, suchten eine tragbare Lösung für ihren Tötungsauftrag.

Eine der zahlreichen Nazi-Umschreibungen für Massenmord war "Evakuierung nach dem Osten". Als sich Regierungsrat Karl Friedrich Trampedach vom Reichskommissariat Ostland über die Deportationen reichsdeutscher Juden nach Riga und Minsk beklagte, erhielt er am 13 November 1941 die Mitteilung, dass die Juden ohnehin "weiter nach Osten" geschickt würden. Möglicherweise hatte diese Umschreibung neben der wörtlichen Bedeutung auch die versteckte Nachricht, dass nämlich das endgültige Ziel für die "Reichsjuden" eine geplante Vergasungseinrichtung in Mogilev sein sollte, und Mogilev liegt ja weiter östlich als Riga und Minsk.
Ein Schlüssel mag liegen in einer Äußerung Reinhardt Heydrichs während einer Konferenz über "die jüdische Frage" in Prag am 10. Oktober 1941. Er sagte, dass die Chefs der Einsatzgruppen B und C, Nebe und Rasch,
"Juden in Lager für kommunistische Gefangene im Operationsgebiet bringen könnten. Nach einer Aussage von SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann ist das bereits im Gange.
Seit 29. September 1941 gab es in der Dimitrov-Fabrik in Mogilev ein Arbeitslager für verdächtige Landstreicher. Ähnliche Lager waren in Vitebsk und Smolensk geplant. Vermutlich hat sich Heydrich auf diese Einrichtungen bezogen.

Während seines Besuches in Mogilev im Oktober 1941 besprach Himmler mit Bach-Zelewski und dem Kommandeur des Polizeiregiments Mitte, Max Montua, Alternativlösungen zu den Erschießungen hinsichtlich der "Lösung der jüdischen Frage". Himmler versprach schließlich die baldige Einführung anderer Lösungen, womit sicher die Vergasungstechnik gemeint war.

Ein Vernichtungslager wurde nicht in Mogilev eingerichtet, wohl weil der Transport so vieler Menschen so weit nach Osten zu große logistische Probleme beinhaltete. Deportationszüge nach Minsk mussten um den 20. November 1941 auf Grund von Nachschubproblemen für die Heeresgruppe Mitte gestoppt werden. Soweit man weiß, erreichte nie ein Zug mit Juden aus dem Reich oder Polen die Stadt Mogilev. Der Mangel an Lokomotiven und Wagen führte zu Überlegungen, die Juden per Schiff über die Flüsse Pripjet und Dnjepr nach Osten zu bringen. Dies erwies sich jedoch als nicht durchführbar.
Bis August 1942 hatte die SS die Idee eines Vernichtungslagers in Mogilev nicht gänzlich ad acta gelegt. Zu dem Zeitpunkt wurden die im November 1941 von der Firma Topf & Söhne angeforderten Verbrennungsöfen nämlich nicht nach Mogilev, sondern nach Auschwitz-Birkenau geliefert. Dort wurden die Öfen in die Krematorien IV und V eingebaut.
In den Lagern der Aktion Reinhard, nämlich Belzec, Sobibor und Treblinka, war die SS dabei, die Juden des Generalgouvernements und aus vielen europäischen Staaten zu vernichten, und in Chelmno wurden die Juden des Warthegaus umgebracht. In Auschwitz-Birkenau waren die Bunker I und II schon in Betrieb, und Pläne für größere Krematorien waren weit fortgeschritten. Bei Minsk wurden zudem tausende von Juden in Maly Trostinec ermordet. An etlichen anderen Orten im besetzten Osten Europas mordeten die Einsatzgruppen. Daher gab es keinen Bedarf mehr für ein Vernichtungslager in Mogilev. Allerdings waren zeitweilig Gaswagen in der Stadt stationiert.

Im September 1943 wurde das Arbeitslager in Mogilev aufgelöst. Die Opferzahl dieses Lagers ist nicht bekannt, weil die SS im Herbst 1943 die Leichen exhumierte und einäscherte. Die meisten Opfer verloren ihr Leben in den nahe gelegenen Dörfern Novopashkovo und Polykovitshi. Mindestens 7.500 Juden und 1.200 geistig Behinderte aus der Umgebung wurden hier getötet (Schätzungen gehen bis 25-30.000).

Quellen:
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Gerlach, Christian. German Economic Interests, Occupation Policy, and the Murder of the Jews in Belorussia, 1941/43, (in Ulrich Herbert, ed. National Socialist Extermination Policies), Berghahn Books, New York, 2000.
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